| Bernd Graff: | Web 0.0 Das Internet verkommt zu einem Debattierklub von Anonymen, Ahnungslosen und Denunzianten. Ein Plädoyer für eine Wissensgesellschaft mit Verantwortung. | Süddeutsche Zeitung | 07.12.2007 |
| Frank Schirrmacher: | Wir brauchen eine Debatte Nicht das Internet ist der Feind des Journalismus, sondern das Kalkül. Vom Pulsschlag des Textes: Ein Plädoyer für ein Jahrzehnt des Qualitätsjournalismus. | Süddeutsche Zeitung | 29.10.2007 |
| Robin Meyer-Lucht: | Krankheit als Metapher Über Frank Schirrmachers Internetrede. | perlentaucher.de | 05.11.2007 |
| Robin Meyer-Lucht: | Das Benzin des Internets Gebt mir mein hierarchisches Mediensystem zurück! Printjournalisten befürchten den Tod des "guten Journalismus" durch das Web 2.0. Gleichzeitig wird ein Blogger zum Journalisten des Jahres gewählt. | perlentaucher.de | 14.12.2007 |
| Viola Schenz: | Online oder gar nichts In den USA stellen immer mehr Verlage ihre Printausgabe ein und auf Web um. Das Modell der Zukunft? [Kurz, bunt, leichtverdaulich.] | Süddeutsche Zeitung | 19.12.2007 |
| Nicholas G. Carr: | The amorality of Web 2.0 Carr mahnt, die Rhetorik über das Web 2.0 einzustellen und es als das zu sehen, was es ist: eine Technologie, die die Form und Ökonomie von Produktion und Gebrauch von Information ändert - ohne auf gute oder schlechte Auswirkungen Rücksicht zu nehmen: Carr sieht qualitätsgeprüfte Herstellungsprozesse wie Enzyklopädien und Journalismus bedroht. | Rough Type [sein privater Blog] | 3.10.2005 |
Wider Bernd Graffs "Web 0.0" - auf dem Weg zu Demokratie 2.0
Gerade auch vor dem Hintergrund des Artikels "Online oder gar nichts" von Viola Schenz frage ich mich im Folgenden zunächst, was - aus Nutzersicht - mögliche Ziele eines Forums wie des sued-café der Süddeutschen Zeitung sein könnten, und formuliere dann konkrete Vorschläge zur Ausgestaltung.
Daher hier zunächst, auch wenn die Zeit des Wünschens kurz nach Weihnachten eigentlich gerade vorbei ist, wie ich mir ein ideales sued-café 2.0 wünsche:
(W1) Lust am Lesen erhalten!
Warum lese ich bloß einen Bernd Graff lieber als all die 40 Seiten Kommentare zu seinem Artikel? Natürlich ist er provokant und einseitig! (Im Blog würde man Graff wohl einen Troll nennen.) Aber genau das ist für mich der Stimulus, Gewohntes (und das heißt auch: eigene Internet-Euphorie) zu überdenken. Dies genauso wie seine Sprachgewalt machen für mich die Lust am Lesen aus. Für viele der Kommentare zu seinem Artikel hingegen wäre ich keinen Cent zu zahlen bereit. Im Gegenteil: ich denke, viele, eigentlich interessierte Leser werden durch 40 Seiten Kommentare meist geringsten Tiefgangs abgeschreckt werden. So etwas schaut man sich einmal an - und kehrt dem Forum dann den Rücken (es sei denn, man hat wirklich nichts Besseres zu tun im Leben).
(W2) Qualität der Information.
Erst wenn der Informations- (und Kontrast-)Gehalt eines Kommentars die fehlende Ausdruckskraft aufwiegt - und insbesondere höher ist als der Giftanteil -, wird ein nennenswerter Anteil an Lesern nicht nur einmal dieses Forum besuchen, sondern sogar zu diesem Forum zurückkehren!
Qualität heißt natürlich: kontrastierende Standpunkte lokalisieren. Nur nach einer ausgewogenen Gesamtschau kann ich den Blick nach vorn richten. Für mich sollte die Diskussion daher am Ende allerdings nicht in Ängsten, Aufschrei und Rechthaberei stecken bleiben, sondern mögliche Handlungsoptionen und Zukunftsperspektiven offenbaren.
(W3) Das diskursive Moment: partizipative Demokratie stärken.
Das Medium Internet kann viel mehr Menschen und damit viel mehr Wissen miteinbeziehen. Es sollte Spaß machen, dem Diskurs zu folgen, und Spaß machen, am Diskurs teilzunehmen. Das menschliche Bedürfnis, sich auszutauschen, kann gar nicht unterschätzt werden (siehe die Evolution der SMS). Ein Forum sollte dabei die Vielfalt der Standpunkte widerspiegeln. Es darf auch ruhig deutlich werden, dass Ernst-genommen-werden-wollen und Beliebigkeit sich ausschließen.
Um nun dahin zu kommen (und dabei die Klippen des Web 0.0 zu umschiffen), folgende Anregungen von mir:
(A1) Weniger ist mehr oder das "verzögernde Moment".
Es ist zwar richtig: das Medium WWW hat unendlich viel Platz. Doch genauso richtig ist, dass ein Leser nur endlich viel Zeit mitbringt.
Warum bloß ist die Qualität gedruckter Leserbriefe in Zeitungen um so viel höher als die hier in den online-Kommentaren? Ich sage: weil die Hemmschwelle höher ist! Man muss nicht nur seinen Namen preisgeben (wiewohl man hierbei ebenso schummeln könnte) und gar 55 Cent Porto zahlen: der gedruckte Leserbrief kostet insbesondere mehr Zeit als ein Webseiten-Kommentar. Viele der unüberlegten Kommentare, die hier keinen Beitrag geleistet haben, hätten vermutlich schon diese Schwelle nicht passiert.
So sehr auch Schirrmachers Rede von Angst geprägt ist und Angst machen will: im Hinblick auf das "verzögernde Moment" hat er m.E. absolut recht. Ich fordere daher Selbstbeschränkung zur Entschleunigung: jeder Teilnehmer soll pro Tag nur einen einzigen Artikel veröffentlichen dürfen - aus Wertschätzung denjenigen gegenüber, die später seinem Artikel ihre Lebenszeit widmen werden.
(A2) Verantwortung.
Nach dem Platzen der Dot-Com-Blase hat man sehr schnell zu den vormals verpönten alten Werten zurückgefunden.
Als Pädagoge stehe ich dafür, dass Menschen bewusst Courage üben. Und ich fordere - wie Bernd Graff -, dass Beitragende ein Minimum an Verantwortung für ihr Schreiben tragen. Bei jedem Beitrag mögen daher Name und Wohnort des Autors kenntlich gemacht werden - eben einfach wie bei gedruckten Leserbriefen.
Der Verlässlichkeit zuliebe wünsche ich mir darüber hinaus, dass die Süddeutsche die Angaben in der Registrierung eines Mitglieds per Postkarte (nicht per E-Mail) überprüft. Auf der Postkarte ist ein Code, den der Kommentator (meinetwegen auch nachträglich) online eingibt, um die Registrierung abzuschließen. Und wer das nicht innerhalb von 2 Wochen tut, dessen Beiträge werden wieder gelöscht.
Wer in gut 5 Monaten über 700 Kommentare schreibt - wie manche Kommentatoren hier -, der wird auch dafür die Zeit finden. Wer hingegen bloß den Chat will, hat dafür Tausend andere Gelegenheiten im Netz. Letztlich wird sich, wer wirklich Lust am Schreiben hat, ohne den anderen die Lust am Lesen nehmen zu wollen, dieser kleinen Unannehmlichkeit gern unterziehen.
(A3) Kosten.
Für ein gut organisiertes, intellektuelles Austauschforum mit Tiefgang (eine Marktlücke?) wäre ich gern bereit, eine Nutzungsgebühr zu zahlen. Es sollte dann allerdings weitestgehend Spam-frei sein und Werbung sollte nicht mehr Platz einnehmen als die Beiträge.
Warum nicht gar eine geringe Gebühr (z.B. 1€) für jeden Beitrag fordern? Ich wäre gern dazu bereit. Und ich könnte mir vorstellen, es würde gegen Beitragswütige, die mir die Lesezeit stehlen wollen, genauso helfen wie gegen Spam-E-Mails.
(A4) Werte schaffen: eine Gesamt- bzw. Gegendarstellung.
Es muss etwas geschaffen werden! Solange da nur ein Beschimpfen und Aufjaulen ist, wird die Kommentarfunktion in der Belanglosigkeit dümpeln. Wer hat schon Zeit, 40 Seiten Kommentare zu lesen? Das meiste davon nur der Aufschrei einer getroffenen Internet-Seele, die den anderen nicht einmal zu verstehen versucht, sondern nur verzweifelt Gehör sucht? Fragt man sich doch bei vielen Kommentaren, ob der Schreiber Bernd Graffs Artikel jemals gelesen hat. Sollte sich Bernd Graff in diesen Kommentare-Dschungel verirren, wird er sich jedenfalls über die Bestätigung, die ihm da geliefert wird, sicher köstlich amüsieren.
Was ich mir wünschte, wäre, dass sich aus den Kommentaren heraus eine giftfreie und konzise Gegendarstellung herauskristallisierte (wie es zum Thema Web 0.0 z.B. Robin Meyer-Lucht auf perlentaucher.de vormacht). Was von all dem Geschriebenen gehört am Ende gelesen? Der Online-Redakteur des sued-cafes könnte z.B. für einen - entsprechend reifen - Diskussionsthread z.B. aus den Beitragenden heraus einen zuständigen Redakteur benennen, der eine Gesamt- und/oder Gegendarstellung (ein Dossier), die die verschiedenen Positionen möglichst unabhängig aufnimmt, zu formulieren versucht. So wie bei Wikipedia eben (zumeist). Die Gegendarstellung würde nach einer Zeit den Platz der Diskussion einnehmen. Für all diejenigen, die es genau wissen wollen, wäre die ursprüngliche Diskussion über einen Link weiterhin erreichbar und fortführbar.
Bei soviel freiwilligem Engagement im Netz sollten sich doch solche Redakteure unter den Mitgliedern des Forums finden lassen? Insbesondere, wenn am Ende möglicherweise eine Veröffentlichung der Gegendarstellung in der online- oder gar der gedruckten Zeitung winkt?
(A5) Grafische Aufbereitung.
Die unterschiedlichen Argumente könnten darüber hinaus transparenter präsentiert werden als durch flachen Text, z.B. durch ein Mind-Map ähnlich Beats Biblionetz. Eine nettere Optik also nicht nur, weil das Auge mitisst, sondern auch um dem Leser die Orientierung zu erleichtern.
(A6) Quellen.
Auch wenn Zeitungen bislang alte Artikel nur kostenpflichtig herausgeben: Die Gesamtdarstellung einer Debatte sollte alte Zeitungsartikel zum Thema miteinbeziehen und diese sollten ohne größere Hürden, d.h. über eine Link, an dieser Stelle sofort einsehbar sein. Ein weiteres Argument, warum die Mitgliedschaft im Forum sued-cafe - auch für Leser! - nicht kostenlos zu sein brauchte.
(A7) Partizipatives Netz: Abstimmungen.
Einer Gesamtdarstellung der Standpunkte (Dossier) samt Quellenverweisen darf gern eine Abstimmung folgen! Eine solche Möglichkeit könnte gut und gern unsere Demokratie wiederbeleben. Ja, neugierig machen auf unterschiedliche Standpunkte und... "Qualitätsjournalismus"! Warum nicht 1 und 1 zusammentun und einerseits den erkennbaren Ruf (nicht nur der Blogger) nach Gehört-werden ernst nehmen und andererseits die Autorität und die Informationsfülle einer großen Zeitung wirklich nutzen? Man stelle sich vor: es ist 2010 und Millionen Deutscher registrieren sich bei der SZ, um - gut informiert - an einer Abstimmung zu Atomkraft, Flughafenausbau, Bahnprivatisierung o.ä. teilzunehmen! Es würde mich wundern, wollten in einer bevormundenden und damit letztlich entmündigenden Demokratie wie Deutschland nicht noch viel mehr Bürger zu solchen Themen gehört werden.
Wäre nicht eine der großen überregionalen Zeitungen in Deutschland hierfür als Plattform geradezu prädestiniert? Sie könnte die nötige kritische Masse aufbringen - hinsichtlich der Beteiligung wie auch hinsichtlich des Gehört-werdens. Denn beides gehört zusammen.
Zu einer Abstimmung würden z.B. all diejenigen Forumsmitglieder, die in ihrem Profil für dieses Thema Interesse angemeldet haben, per E-Mail eingeladen. Die wiederum ihre Bekannten einladen würden - was für ein Ansturm auf die Süddeutsche! Im Sinne aussagekräftiger Abstimmungen wäre die Teilnahme allerdings nur registrierten Mitgliedern vorbehalten. Damit niemand auf die Idee käme, seine Stimme mehrfach einzubringen, müsste man möglicherweise sogar darüber nachdenken, z.B. das Post-Ident-Verfahren zu verwenden.
Qualitätsjournalismus als Kontext, differenzierte Diskussionen und engagierte Bürger als Jungbrunnen - könnte da nicht sogar noch mehr herauskommen? Marshall Rosenberg würde sicher neugierig, wenn Abstimmungen - anstatt der landläufigen pauschalen Ja/Nein-Abfrage - zudem differenzierte Rückmeldung an die Politik lieferten: welche Bedürfnisse bewegen die Menschen? Was sind - in welchem Maße - die eigentlichen Wünsche hinter ihrem Abstimmungsverhalten? In der Gewaltfreien Kommunikation offenbaren sich auf diese Weise - oft unverhofft - neue, kreative und für alle befriedigendere Lösungsmöglichkeiten, als der ursprünglich anstehende Konflikt vermuten ließ. Die Zeitung der Zukunft als pluralistische Informationszentrale, partizipative Meinungsbildungsplattform und Ideenbörse einer lebendigen, weil tiefergehenden Demokratie.
Wenn also die Technik (Web 2.0) bereitsteht und auch viele Menschen bereit sind, Zeit und Energie einzubringen (siehe Wikipedia), verbleibt die Frage, ob denn in Deutschland jemand den Mut (und das Geld für eine Marketingkampagne) aufbringt, Neues zu wagen? Geht es ohne? Vielleicht mag ja die Südwestdeutsche Medien Holding nach dem 29. Februar mit ihrer neuen Mehrheit in der Gesellschafterversammlung des Süddeutschen Verlags neue Akzente setzen? Wenn Google jeden Monat 3 Euro an mir verdient, wie Robin Meyer-Lucht auf perlentaucher.de vorrechnet, kann es doch auch nicht so schwer sein, Sponsoren für die Kombination "Dossier plus Meinungsumfrage" zu finden?
Mörfelden, 29. Dezember 2007
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